So… Hab ich schon „So“ gesagt? Ein Wort mit dem ErzieherInnen/ BetreuerInnen/ SozialpädagogInnen (wie-auch-immer) gerne ihre Ausführungen beginnen
Die Ferien und diverese Faschingsfeiern haben wir nun definitiv hinter uns gelassen.
Der Schulalltag hat uns wieder. Jedes Kind ist bis oben hin eingedeckt mit Schularbeiten, Tests, Arztbesuchen, Therapieterminen und alles dreht sich darum diesen Anforderungen gerecht zu werden, die Termine wahrzunehmen und auf die vorgeschriebenen Lernziele hinzuarbeiten.
Festgefahrene, eingelernte, Strukturen bewähren sich und bringen uns sicher durch den Alltag.
Eine gewisse Engstirnigkeit (in der Wirtschaftswelt würde man wohl „Betriebsblindheit“ dazu sagen) macht sich breit, wenn man anfängt in diesem Hamsterrad aus Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, Terminen, ein wenig Freizeit, Abendessen, Schlafen, Aufstehen, Schule… zu laufen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man läuft noch schneller, dann ist man mit dem „schnell Laufen“ so sehr beschäftigt, dass man vergisst, dass man sich in einem Hamsterrad befindet, oder aber man versucht ein wenig langsamer zu treten und ab und zu aus diesem „Stresskarussell“ auszusteigen.
Da die zweite Möglichkeit uns auf lange Sicht, als die eindeutig Sinnvollere erscheint, versuchen wir das so oft wie möglich zu tun. In der Abendruhe gibt es die eine oder andere entspannende Massage. Ein anderes Mal genehmigen wir uns ein Bad mit besonderen Duftölen. Wir lauschen gespannt einer vorgelesenen Geschichte. Wir sitzen gemütlich am Tisch und malen Mandalas oder basteln gemeinsam. Wir spielen Gesellschaftsspiele und musizieren miteinander… Bei diesen Aktivitäten genügen wir uns selbst und beschäftigen wir uns intensiv miteinander.
Doch es ist wesentlich für die Bildung eines mündigen Menschen ab und zu über den Tellerrand hinaus zuschauen. Und auch das tun wir – im wahrsten Sinne des Wortes – (zumindest) einmal pro Woche.
Schon vor längerer Zeit wurde zu diesem Behufe das Projekt „Los Wochos“ ins Leben gerufen.
Kurz zur Entstehungsgeschichte des Projekts: Viele der Kinder die zu uns in die WG kamen oder bereits in der WG waren hatten ein gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme. Der eine aß kaum etwas, eiferte magersüchtigen Vorbildern nach, die andere aß viel zu viel und unkontrolliert, weil Essen für sie den einzigen Lustgewinn bedeutete. Dazu kam, dass „ausgewogene Ernährung“ für alle Kinder ein Fremdwort war. Zu Hause lernten sie eben nur eine handvoll Gerichte kennen, der Rest wurde von MC Donalds & Co geliefert. Ebenso wenig wussten die Kinder über die Herkunft und Entstehung der Lebensmittel Bescheid. Den meisten war gerade noch klar, dass die Weintrauben nicht in der Plastikschachtel beim „Hofer“ wachsen. Aber woher z.B.: Kartoffel kommen bzw. wo sie wachsen – Auf Bäumen? Auf Sträuchern? Auf der Erde? Unter der Erde? Wachsen sie in Österreich?- diese Fragen verunsicherte und stellte viele vor ein unlösbares Rätsel.
Nun zu „Los Wochos“. Im Zuge des Projekts wird einmal pro Woche (immer Donnerstags) zum Abendessen ein typisches Gericht aus einem anderen Land gekocht. Mittags haben wir das große Glück von unserer guten Küchenfee Eva gesund, abwechslungsreich und jedes Mal vorzüglich bekocht zu werden.
Unser momentaner Schwerpunkt ist, nach einer Reise über die Kontinente der Welt, Europa.
Die Mahlzeit wird von den BetreuerInnen, gemeinsam mit, sich wöchentlich abwechselnden, Kindern gekocht.
Schon alleine bei der Zubereitung lernen die Kinder viel. Wie schält man eine Orange? Wer oder was ist eine Avocado? Wie fühlt sich Mehl in der Hand an? Wie mariniert und bereitet man Fleisch zu?… Die Liste an wertvollen Erfahrungen ist endlos lang. Auch haben viele Kinder ein „Aha-Erlebnis“, wenn zum ersten Mal ein männlicher Betreuer kocht. Männer in der Küche? Das geht!?
Anschließend werden Informationen über das Land gesammelt, die den Kindern vor der gemeinsamen Einnahme der Mahlzeit, in Form eines Quiz, spielerisch näher gebracht werden.
So lernen die Kinder ganz nebenbei (und doch eifrig und interessiert), was in der Schule nur „ur fad“ ist:
Die Landesflagge, die Währung, Hauptstädte, Einwohnerzahlen, der höchste Berg, Sehenswürdigkeiten, der Nationalsport, … Wenn Kinder einmal von einem Thema gefesselt sind, ist ihre Wissbegierde schier grenzenlos.
Der Höhepunkt ist aber dennoch das gemeinsame, bewusste, Essen, Entdecken und Genießen.
So simpel die Idee klingt – mit „Los Wochos“ wurden schon beachtliche Erfolge erzielt. Die frühere, natürliche Abneigung gegenüber neuen, unbekannten Speisen (was der Bauer nicht kennt…) hat drastisch abgenommen. Ausrufe wie „Wäh!“, „Ur grauslich!“, „Das ist grindig!“ etc. sind kaum noch zu vernehmen.
Wir haben gelernt, dass es viele, viele Länder auf unserem Planeten gibt. Jedes dieser Länder hat sein „Nationalgericht“ oder zumindest Speisen, die von dort lebenden Menschen gerne und oft gegessen werden.
Es wurde eine gewisse Toleranz und Offenheit gegenüber Neuem entwickelt.
Unbekannte Speisen wenigstens zu kosten ist fast selbstverständlich und wenn einmal etwas nicht schmeckt, hört man kein „Wäh!“ mehr, sondern: „Das ist nicht nach meinem Geschmack!“ Eine völlig neue Sichtweise! Anderen Menschen schmeckt dieses Gericht offenbar, denn sie essen es regelmäßig…
Wenn man Kinder zu soviel Weltoffenheit und Neugier anregt, bekommt der kindliche Wissenstrieb oft eine Eigendynamik und bei Tisch wird über die interessantesten Themen diskutiert und philosophiert. Vor allem Katastrophen, Wunder, Übernatürliches sind für die Kinder faszinierende Themen.
„Wie war das damals mit dem World Trade Center?“ (In solchen Momenten fühle ich mich alt – kann mich doch noch genau daran erinnern…)
„Warum sprengen sich die Moslems dauernd in die Luft?“
„Ich hab in der „Heute“ von einem Unglück mit einem Kreuzfahrtschiff gelesen. Wo ist das passiert?“ „Was heißt Umweltverschmutzung? Ich will da Bilder sehen!“
„Die Mayas haben gesagt 2012 geht die Welt unter. Was passiert dann?“
Manche Fragen übersteigen die eigene Kompetenz, das muss man dann auch ehrlich zugeben. Die Kinder können es auch gut annehmen, wenn es Themen gibt über die selbst Betreuer nicht alles wissen oder auch nicht reden wollen, weil es sie unangenehm berührt. Die meisten Fragen können jedoch kindgerecht und damit zufriedenstellend beantwortet werden. Und manchmal springen auch andere Kinder als Experten ein und zeigen wie einfach die Welt oft sein kann, wenn man sie mit Kinderaugen betrachtet.
Wie eben damals beim Gespräch über den Weltuntergang:
Kind 1: „Ich habe Angst.“ „Geht die Welt jetzt unter oder nicht?“
Kind 2: „ Nein sicher nicht!“
Kind 1: „Warum?“
Kind 2 (sehr überzeugt): „Weil ich eine Kaugummipackung habe, die mindestens bis 2013 haltbar ist!“ „Also kann die Welt gar nicht vorher untergehen!“
Aus dieser Weltanschauung können wir Erwachsenen uns einiges mitnehmen (und uns mit Konserven und Kaugummis eindecken
), dann sind wir weit über den 21.12.2012 hinaus gut gerüstet.
Mit diesem Beitrag beende ich meine Bloggertätigkeit, danke all den interessierten LeserInnen für ihr positives Feedback und freue mich schon sehr von anderen KollegInnen, aus anderen Bundesländern, zu lesen
-Markus Engelberger-






















